Wesen und Temperament: die Treue zu einem Herrn

Müsste man das Wesen des Jindo in ein Wort fassen, wäre es Treue. Der Standard sagt es unumwunden: Der Hund sei „seinem Herrn außerordentlich treu ergeben". Diese Eigenschaft macht ihn dem japanischen Kishu Ken ähnlich, der ebenfalls für Wählerischkeit in seinen Bindungen bekannt ist.
Doch hier fügt der Standard einen Satz an, der der verbreitetsten Überlieferung über die Rasse widerspricht. Wörtlich: Der Jindo sei ein „Ein-Mann-Hund", er nehme einen neuen Herrn bereitwillig an, vergesse aber nie seine Bindung an den früheren, der ihn vom Welpenalter an aufgezogen hat. Die These, ein Jindo nehme niemanden sonst an, wird also nicht durch eine Meinung widerlegt, sondern durch den Text des Standards selbst. Das ist wichtig für alle, die einen erwachsenen Hund aus einer Pflegestelle erwägen.
Wesentliche Wesenszüge:
- Jagdinstinkt: Der Standard nennt ihn „sehr stark" und stellt ihn im Abschnitt zum Verhalten an die erste Stelle. Das Staatsregister liefert die Erklärung nach: Geruchs- und Gehörsinn des Jindo sind sehr fein, was ihn für die Jagd geeignet macht. Erblickt er ein Eichhörnchen, eine Katze oder einen Vogel, kann der Jindo augenblicklich in den Hetzmodus umschalten.
- Mut und Bedacht zugleich: Der Standard beschreibt den Hund als kühn und tapfer, zugleich aber als aufmerksam und vorsichtig, als einen, der „sich nicht leicht verlocken lässt". Das ist keine Tollkühnheit, sondern die Bereitschaft abzuwägen.
- Gegenüber anderen Tieren: Der Standard formuliert vorsichtig, aber unmissverständlich: Im Ganzen sei der Jindo „anderen Tieren gegenüber nicht zugetan, besonders nicht Rüden". Gleichgeschlechtliche Spannung ist eine beschriebene Eigenschaft, keine Ausnahme.
- Reinlichkeit und Mäßigung beim Fressen: Noch ein Satz direkt aus dem Standard — der Jindo „hält sich sauber und frisst mäßig". Die fast katzenhafte Reinlichkeit, von der Halter berichten, ist also im Rassedokument bestätigt.
- Orientierungssinn: Der Standard vermerkt eigens, der Hund habe „einen guten Orientierungssinn". Das Staatsregister geht weiter und nennt als Rassemerkmal ausdrücklich die Fähigkeit, an den Ort zurückzukehren, an dem der Hund lebte, selbst wenn er weit davon entfernt war.
Erziehung und Sozialisierung: eine Herausforderung für den Halter

Die Erziehung eines Jindo ist eine Prüfung auf Geduld und Folgerichtigkeit. Diese Hunde arbeiten schlecht „für Futter", wenn sie den Sinn einer Übung nicht sehen oder denjenigen nicht achten, der sie verlangt. Harte Methoden, körperliche Strafe oder Anschreien sind kontraindiziert: Der Jindo zieht sich zurück oder setzt sich zur Wehr. Nötig sind Festigkeit, Folgerichtigkeit und Gerechtigkeit — in genau dieser Reihenfolge.
Entscheidend ist die frühe Sozialisierung. Der Welpe muss so früh wie möglich mit verschiedenen Menschen, Geräuschen, Verkehr und anderen Tieren bekannt gemacht werden. Wird diese Phase versäumt, kann das natürliche Misstrauen des Jindo in Ängstlichkeit oder übermäßige Reaktivität auf alles Neue umschlagen. Die Seouler Befragung weist, wohin zuerst zu schauen ist: Die häufigste Halterklage ist übermäßige Erregbarkeit, also sollte die Arbeit an Selbstbeherrschung und Ruhe früher beginnen als die an schwierigen Übungen.
Ein Wort gesondert zur gleichgeschlechtlichen Spannung. Da der Standard die fehlende Zuneigung zu anderen Tieren, und Rüden im Besonderen, als Rasseeigenschaft benennt, sollte man die gemeinsame Haltung zweier Rüden mit offenen Augen planen und nicht in der Erwartung, dass sie sich „schon zusammenraufen". Frühe Sozialisierung mindert die Schärfe, hebt die Eigenschaft aber nicht auf.
Vor- und Nachteile der Rasse

| Vorteile (+) | Nachteile (-) |
|---|---|
| Außergewöhnliche Ergebenheit gegenüber seinem Menschen | Neigt dazu, einen Ausweg zu suchen — braucht einen hohen Zaun |
| Natürliche Reinlichkeit; der Standard sagt ausdrücklich, dass der Hund sich sauber hält | Starker saisonaler Fellwechsel zweimal im Jahr |
| Klug und selbstständig beim Lösen von Aufgaben | Anderen Tieren nicht zugetan, Rüden im Besonderen |
| Sehr gute Wacheigenschaften bei mäßiger Bellfreude | Schwierig für Anfänger: arbeitet mit dem, den er achtet |
| Mäßiger Appetit und geringe Ansprüche an die Haltung | Starker Jagdinstinkt — Gefahr für Katzen und Geflügel |



