Der Perro Ratero Mallorquín, auf Mallorca selbst Ca Rater Mallorquí genannt, ist kein Schoßhund mit Jagdvergangenheit, sondern ein Arbeitshund mit Wohnungstauglichkeit — der Unterschied entscheidet darüber, ob Mensch und Hund miteinander glücklich werden. Vier Kilogramm, stehende Ohren, bernsteinfarbene Augen und ein Temperament, das man eher bei einem Terrier vermuten würde. Dieser Text ordnet ein, was gesichert ist und was ein deutscher Halter wissen muss. Mehr Rasseporträts auf Tvaryny.
Drei Namen, eine Rasse — und eine hartnäckige Verwechslung
Auf Mallorca heißt der Hund Ca Rater Mallorquí: ca ist schlicht „Hund", rater leitet sich von rata ab, der Ratte. Nomen est omen. Auf Kastilisch wird daraus Perro Ratero Mallorquín, verkürzt oft Ratonero Mallorquín oder Ratoner de Mallorca; im deutschen Sprachraum kursieren „Ratero Mallorquin„ und „Majorca Ratter“. Das sieht nach vielen Rassen aus, ist aber eine einzige. Und es ist ausdrücklich kein Hüte- oder Herdenschutzhund; diese Verwechslung geistert durch viele Rasseporträts, weil Mallorca auch eine große Hirtenhunderasse hervorgebracht hat.
Etwas anderes ist die Verwechslung mit dem valencianischen Rattenfänger. Der ist eine eigenständige Rasse mit eigenem Standard, und weil beide „Rater" im Namen tragen, werden sie in Datenbanken und Inseraten regelmäßig durcheinandergebracht. Ein Blick auf den Gos Rater Valencià (Valencianischer Ratter) zeigt die Familienähnlichkeit sofort — und ebenso die Unterschiede in Größe und Statur.
Der Arbeitsplatz: die mallorquinische Possessió
Um diesen Hund zu verstehen, muss man sich seinen Arbeitsplatz vorstellen. Die possessió ist das traditionelle mallorquinische Landgut: Steinhaus, Vorratskammer, Stall, Ölmühle, dazu kilometerlange Trockenmauern. In diesen Mauern, unter den Böden und zwischen den Getreidesäcken lebte, was Vorräte frisst — Ratten und Mäuse in Mengen, die man sich heute kaum vorstellt.
Der Ca Rater wurde nicht in den Hof gestellt, sondern buchstäblich hineingeschickt: unter die Bodendielen, in die Mauerzwischenräume, zwischen die Säcke. Hier liegt der Grund für seine Größe — sie ist kein Züchtergeschmack, sondern eine Maßvorgabe. Ein größerer Hund kommt nicht dorthin, wo die Ratte sitzt. Vier Kilogramm sind eine Funktion, kein Zierrat.
Diese Herkunft erklärt bis heute Verhaltensweisen, die deutsche Halter überraschen: die Vorliebe für enge Höhlen, das Buddeln, das Sich-Zwängen unter Zäune und Schuppen, die Fähigkeit, aus einem scheinbar hundesicheren Garten binnen einer Viertelstunde zu verschwinden. Wer den Zaun nach Augenmaß baut, macht die Rechnung ohne den Wirt.
Das Berufsbild: warum ein Rattenfänger anders tickt
Eine Ratte ist keine Beute, die davonläuft. Sie stellt sich, sie beißt, und sie beißt hart. Ein Hund, der beim ersten Widerstand zurückwich, wurde nicht weitergezüchtet. Über Generationen entstand daraus ein Zug, der freundlich als „Mut" firmiert und im Alltag heißt: Dieser Hund schätzt Größenverhältnisse nicht realistisch ein.
Der zweite prägende Umstand: Er arbeitete allein und im Dunkeln. Niemand konnte im Zwischenraum unter dem Boden dirigieren, also musste der Hund selbst entscheiden — wo er sucht, wann er zupackt, wann er aufgibt. Genau diese Selbständigkeit beschreiben Halter später als „Sturheit". Sie ist kein Erziehungsfehler, sondern das Betriebssystem.
Nicht nur Ratten: Kaninchen, Igel und Drosseln
Das Repertoire war breiter, als der Name vermuten lässt: Neben Ratten und Mäusen kamen Kaninchen und Hasen ins Beutespektrum, gelegentlich Igel, und — für mitteleuropäische Ohren ungewöhnlich — Drosseln. Für die Kaninchenjagd gibt es auf Mallorca ein eigenes Wort: buidar, wörtlich „ausräumen". Der Hund treibt das Wild aus dem Gestrüpp heraus, statt es über freies Feld zu hetzen — die Gegenposition zum ibizenkischen Podenco, dem Ca Eivissenc. Der eine räumt aus, der andere jagt hinterher: zwei Berufe auf zwei Nachbarinseln.
Aus dieser Arbeitsweise stammt ein reizendes Detail der Farbgebung. Jäger bevorzugten traditionell dreifarbige oder weißgescheckte Hunde, und zwar aus sehr praktischem Grund: Im dichten Buschwerk sollte man den Hund nicht mit dem Kaninchen verwechseln. Der weiße Fleck war eine Sicherheitsmaßnahme, keine Schönheitsfrage.
Die vier Hunderassen Mallorcas — und wen die FCI anerkannt hat
Eine Insel von der Größe des Saarlands hat vier eigene Hunderassen hervorgebracht. Stellt man sie nebeneinander, springt ein Muster ins Auge, das mehr über Kynologie als über Hunde verrät.
| Rasse Mallorcas | Aufgabe | FCI-Status |
|---|---|---|
| Ca de Bou (Mallorca-Dogge) | Packer, Hof- und Schutzhund | anerkannt, Standard Nr. 249 |
| Ca de Bestiar (Mallorca-Hirtenhund) | Hüten und Bewachen der Herde | anerkannt, Standard Nr. 321, Gruppe 1 |
| Ca Mè Mallorquí (Vorstehhund) | Vorstehen bei der Jagd | nicht anerkannt |
| Ca Rater Mallorquí | Nagerbekämpfung auf dem Gehöft | nicht anerkannt |
Das Muster ist unübersehbar: Anerkannt wurden die großen und die repräsentativen Rassen. Die beiden Gebrauchshunde ohne Show-Charisma — Vorstehhund und Rattenfänger — blieben draußen. Das ist keine Verschwörung, sondern die Mechanik eines Systems, in dem Anerkennung Lobbyarbeit, internationale Verbreitung und einen aktiven Verband braucht.
Anerkennung: Was der Ca Rater hat und was ihm fehlt
Hier lohnt es sich, zwei völlig getrennte Systeme auseinanderzuhalten, weil ihre Vermischung die Quelle fast aller Fehlinformationen zu dieser Rasse ist.
Das kynologische System (FCI). Die Lage ist eindeutig: Der Ca Rater Mallorquí ist von der FCI nicht anerkannt. Es gibt keine Standardnummer und keine Gruppenzuordnung. Auch die Real Sociedad Canina de España (RSCE), der spanische FCI-Mitgliedsverband, führt ihn nicht unter den anerkannten spanischen Rassen, sondern nur in einer gesonderten Rubrik für weitere Rassen beziehungsweise Rassen in der Wiederherstellungsphase. Wenn ein Portal oder ein Versicherungsblog behauptet, die RSCE habe die Rasse „anerkannt", ist das schlicht falsch — ein Irrtum, den Aggregatorseiten munter voneinander abschreiben.
Das agrarverwaltungsrechtliche System (Spanien). Hier sieht es anders aus. Die Regierung der Balearen veröffentlichte den Rassestandard im Amtsblatt der Inseln (BOIB) am 28. Dezember 2002. Bereits zuvor, mit Beschluss vom 21. November 2002, war dem Rasseklub die Führung des Zuchtbuchs (llibre genealògic) übertragen worden. Rechtlicher Rahmen ist das Real Decreto 558/2001 vom 25. Mai 2001, das die staatliche Anerkennung von Züchtervereinigungen regelt.
Auf staatlicher Ebene folgte die Aufnahme in den amtlichen Anhang: Der zuständige Ausschuss stimmte am 22. April 2003 zu, die Orden APA/807/2004 wurde am 24. März 2004 unterzeichnet und am 30. März 2004 im Staatsanzeiger BOE veröffentlicht. Wenn Quellen mal 2003 und mal 2004 nennen, widersprechen sie einander also nicht — sie benennen zwei Etappen desselben Verfahrens. Bemerkenswert ist ein Detail: Ca Rater und valencianischer Rattenfänger wurden am selben Tag im selben Papier aufgenommen. Zwanzig Jahre später trennten sich ihre Wege.
Wichtig ist: Das ist ein agrar- und verwaltungsrechtlicher Weg, kein kynologischer. Anders als bei mancher Rasse mit bloßer Registereintragung existieren hier aber tatsächlich ein publizierter Standard und ein real geführtes Zuchtbuch. Die Kurzformel, die viel Diskussion erspart: Papiere hat dieser Hund durchaus — nur eben keine FCI-Papiere.
Der Klub CEPRAM und die selbstgewählte Sackgasse
Getragen wird das Ganze vom Club del Ca Rater Mallorquí, kurz CEPRAM, gegründet 1990 und 2002 als Züchtervereinigung anerkannt. Der Klub versammelt Züchter, Liebhaber und Jäger, führt das Zuchtbuch und veranstaltet zweimal jährlich — im Mai und im Oktober — Zuchtbeurteilungen. Höhepunkt ist die Rassespezialschau im Ort Montuïri, traditionell am ersten Sonntag im Dezember.
Und hier kommt die Pointe. Der Weg in die FCI führt über den nationalen Mitgliedsverband, in Spanien also die RSCE — und wer ihn geht, gibt sein Zuchtbuch an den Dachverband ab. Genau das wollte CEPRAM nicht. Der Klub hat sich bewusst dagegen entschieden, um die Hoheit über die eigene Zucht zu behalten, und damit den Weg zur FCI-Anerkennung selbst versperrt.
Ganz ohne staatlichen Rückhalt ist die Rasse dabei nicht. Das balearische Jagdgesetz Ley 6/2006 verpflichtet die Verwaltung in Artikel 34.5 ausdrücklich, die Erhaltung der einheimischen Jagdhunderassen zu fördern — namentlich genannt sind eivissenc, mè und rater. Ein geltendes Gesetz, das eine Hunderasse beim Namen nennt, ist eine Seltenheit und wiegt kynologisch mehr, als die fehlende FCI-Nummer vermuten lässt.
Die fehlende FCI-Nummer ist also kein Qualitätsurteil über die Hunde, sondern das Ergebnis eines verbandspolitischen Konflikts. Noch vor wenigen Jahren waren alle drei iberischen Rattenfänger-Rassen unanerkannt: Der valencianische Rater erhielt 2022 seinen FCI-Standard, der Ratonero Bodeguero Andaluz folgte 2024 als vierzehnte spanische Rasse. Für den Mallorquiner ist die Tür nicht zugefallen, sondern von innen verriegelt.
Der VDH: Warum es in Deutschland keine Ahnentafel für diesen Hund gibt
Für deutsche Interessenten ist das kein akademisches Thema. Der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) ist das einzige deutsche FCI-Mitglied. Ahnentafeln entstehen nicht beim VDH selbst, sondern in den ihm angeschlossenen Rassehunde-Zuchtvereinen — und zwar für FCI-anerkannte Rassen.
Daraus folgt schlicht und ergreifend: Für den Ca Rater Mallorquí existiert in Deutschland kein VDH-Zuchtverein und damit keine VDH-Ahnentafel. Es gibt niemanden, der eine ausstellen könnte, weil es die Rasse im System nicht gibt. Wer Ihnen eine „VDH-Ahnentafel für den Ratero" verspricht, sollte sehr genau erklären, wie das zugehen soll.
Was bleibt dem Käufer? Erstens die Abstammungsbescheinigung des mallorquinischen Klubs — ein echtes Dokument mit echter Ahnenreihe, das aber keine Türen zu VDH-Zuchtzulassungen öffnet. Zweitens: gar nichts, in Deutschland der häufigste Fall. Papier ist geduldig — und auch nicht alles: Für Alltag, Hundeschule und Tierarzt spielt die Ahnentafel keine Rolle.
Die Rute: angeboren kurz — und warum das in Deutschland zum Thema wird
Kein Merkmal dieser Rasse führt in Deutschland zu so vielen Missverständnissen wie ihre Rute. Beim Ca Rater Mallorquí kommt etwa jeder fünfte Welpe ohne oder nur mit einer rudimentären Rute zur Welt — ein Naturbobtail, also angeborene, genetisch bedingte Kurzrutigkeit. Kein Mensch hat da etwas abgeschnitten.
Die Verwirrung entsteht, weil die Rasse historisch flächendeckend kupiert wurde. Auf dem Gehöft galt die Rute als Verletzungsrisiko bei der Arbeit in Mauerspalten und unter Böden, und weil ohnehin ein Teil der Welpen von Natur aus kurz geraten war, wurde der Rest angeglichen. Auf einer mallorquinischen Spezialschau stehen heute Hunde mit voller Rute neben Hunden ohne — und beides ist regelkonform.
Bemerkenswert ist, dass das Herkunftsland dieselbe Entwicklung genommen hat wie Deutschland, nur später. Spanien hat das Europäische Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren ratifiziert — Veröffentlichung im BOE am 11. Oktober 2017, in Kraft seit 1. Februar 2018, und zwar ohne Vorbehalt zum Kupierverbot. Die staatliche Rassebeschreibung von 2004 stammt jedoch aus der Zeit davor und schildert das Kürzen der Rute noch als übliche Praxis. Wer ein solches Dokument findet und daraus schließt, bei dieser Rasse werde „regulär kupiert", liest einen überholten Text.
Für den deutschen Betrachter ist das eine Falle: Hierzulande löst ein rutenloser Hund sofort den Reflex kupiert aus — und das ist kein neutraler Gedanke, sondern ein Tierschutzverstoß-Verdacht.
Was das Tierschutzgesetz tatsächlich sagt
Maßgeblich ist § 6 des Tierschutzgesetzes (TierSchG). Absatz 1 Satz 1 formuliert das Verbot denkbar breit: „Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres." Eine Rute ist ein Körperteil, das Kupieren ist eine teilweise Amputation — damit ist es grundsätzlich verboten.
Satz 2 nennt die Ausnahmen, und genau zwei davon betreffen Hunde. Nummer 1 Buchstabe a lässt den Eingriff zu, wenn er im Einzelfall „nach tierärztlicher Indikation geboten ist" — also bei Verletzung oder Erkrankung. Nummer 1 Buchstabe b enthält die vieldiskutierte Jagdhundeklausel: zulässig ist der Eingriff, wenn er „bei jagdlich zu führenden Hunden für die vorgesehene Nutzung des Tieres unerläßlich ist und tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen".
Man beachte, wie eng diese Ausnahme geschnitten ist: nicht für „Jagdhunderassen" pauschal, sondern für jagdlich zu führende Hunde, mit Prüfung im Einzelfall, und nur wenn der Eingriff unerlässlich ist — nicht nützlich, nicht üblich, nicht traditionell. Ein Ratero, der als Familienhund in einer deutschen Stadtwohnung lebt, fällt unter keinen dieser Punkte.
Der praktische Rat für Halter
Wer einen rutenlosen Ca Rater aus Spanien übernimmt, sollte sich tierärztlich schriftlich bestätigen lassen, dass ein angeborener Naturbobtail vorliegt. Eine erfahrene Tierärztin erkennt den Unterschied — eine kupierte Rute hinterlässt eine Narbe und ein durchtrenntes Wirbelende. Diese Notiz gehört zu den Heimtierunterlagen und beendet Diskussionen mit Ordnungsamt oder besorgten Passanten in dreißig Sekunden.
Relevant ist das auch im Ausstellungswesen: Der VDH hat ein Ausstellungsverbot für kupierte Hunde — betroffen sind Tiere mit kupierten Ohren und/oder kupierter Rute, mit einer Ausnahme für jagdlich geführte Hunde nach deutschem Tierschutzrecht. Ausgerechnet die Rasse, die einen Teil ihrer kurzen Ruten der Natur verdankt, gerät hierzulande unter Kupier-Verdacht.
Der deutsche Brückenschlag: der Ratero ist ein „Rattler"
Deutsche Leser müssen für diesen Hund keine fremde Kategorie lernen — es gibt für seinen Beruf ein eigenes deutsches Wort. „Rattler" nennt man im deutschen Sprachraum kleine bis mittelgroße Hunde, die ursprünglich als Rattenfänger verwendet wurden. Der Begriff steht bis heute im Sprachgebrauch und beschreibt exakt das, was der Ca Rater ist.
Der bekannteste heimische Vertreter ist der Zwergpinscher: Seine Vorfahren lebten auf Höfen und in Pferdeställen, wo sie das Futter vor Mäusen und Ratten schützten — genau der Job, den auf Mallorca der Ratero versah. Daher der Spitzname, der ihm bis heute anhängt: Rattler. Der Prager Rattler hat die Funktion sogar in die Rassebezeichnung übernommen. Die deutsche Kynologie hat also ein Regal für diesen Hundetyp — der Mallorquiner ist bloß kein Einheimischer darin.
Ein zweiter deutscher Bezugspunkt liegt bei der Arbeitsweise: der Deutsche Jagdterrier, FCI-Standard Nr. 103, Gruppe 3, Sektion 1. Er ist größer und kräftiger, aber sein Metier — die Arbeit unter der Erde, im Bau, allein, ohne Sichtkontakt zum Führer — ist strukturell dasselbe wie das Kriechen des Rateros unter die Bodendielen. Wer je erlebt hat, mit welcher Härte ein Jagdterrier arbeitet, versteht, warum ein Vier-Kilo-Hund einem Schäferhund die Meinung geigt.
| Rasse | Größe (Rüden) | FCI-Status | Ursprüngliche Aufgabe |
|---|---|---|---|
| Ca Rater Mallorquí | 32–36 cm | nicht anerkannt | Nager auf dem Gehöft, Kaninchen |
| Gos Rater Valencià | 30–40 cm (Ideal 36) | Standard Nr. 370, Gruppe 3, Sektion 1, seit 2022 | Wanderratte, Kaninchen, Maulwurf |
| Ratonero Bodeguero Andaluz | 37–43 cm (Ideal 40) | Standard Nr. 371, Gruppe 3, Sektion 1, seit 2024 | Nager in den Weinkellern (Bodegas) |
| Zwergpinscher | 25–30 cm | anerkannt | Stall- und Hofhund, „Rattler" |
| Deutscher Jagdterrier | 33–40 cm | Standard Nr. 103, Gruppe 3, Sektion 1 | Bau- und Stöberarbeit |
Der Andalusier liefert die Gegenprobe: Er geht nachweislich auf Linien des Glatthaar-Foxterriers zurück, die britische Sherry-Handelshäuser nach Jerez mitbrachten — und sein weißes Fell wurde ausgewählt, damit man ihn im Halbdunkel der Weinkeller sieht.
Genetik: ein Terrier, der keiner ist
Über Jahrzehnte hielt sich die Erzählung, im Ratero stecke britisches Terrierblut. Die Ähnlichkeit ist ja frappierend: Format, Ohren, Farbschema, Arbeitsstil. Eine 2022 veröffentlichte Untersuchung hat das geprüft — auf Basis von Mikrosatellitenmarkern und 77 Haarproben von Hunden aus Mallorca. Ergebnis: Eine Verwandtschaft mit Terrierrassen ließ sich nicht nachweisen. Die Ähnlichkeit ist konvergente Evolution — dieselbe Aufgabe, dieselben Zwänge, dasselbe Ergebnis. Wer heute noch die „britische Terrierlinie" als Tatsache verkauft, gibt eine widerlegte Vermutung weiter. Bestätigt wurde dagegen die enge Verwandtschaft zum valencianischen Rattenfänger.
Die Kennzahlen zeichnen das Bild einer kleinen, aber überraschend gesund geführten Population: erwartete Heterozygotie 0,685, beobachtete 0,655, ein Inzuchtkoeffizient FIS von 0,044, im Mittel 6,61 Allele pro Locus bei 3,58 effektiven Allelen. Auf Deutsch: Die Vielfalt ist ordentlich, die Inzucht wird kontrolliert. Der Wermutstropfen: Im ausgewerteten Register fanden sich 363 Tiere, davon 146 Gründertiere — eine schmale Basis. Zudem stellten die Autoren seit 2011 einen kontinuierlichen Rückgang der Geburten fest und empfahlen ein Erhaltungsprogramm.
Wie viele gibt es? Warum die Zahlen nicht zusammenpassen
Wer eine belastbare Bestandszahl sucht, findet drei — und alle widersprechen einander. Der Klub spricht von über 1.000 registrierten Hunden und rund 150 neu eingetragenen Welpen pro Jahr, eine spanische Fachpublikation nennt 2.041 Tiere und schätzt den tatsächlichen Bestand auf das Doppelte, die genetische Studie arbeitete mit 363. Das ist kein Skandal, sondern eine Frage der Zählweise. Ableiten lässt sich genau eines: Die Rasse steht nicht am Rande des Aussterbens, bewegt sich aber im Bereich einiger Tausend Tiere. Sie ist selten, nicht bedroht.
Recht und Pflichten in Deutschland: Steuer, Rasselisten, Leinenpflicht
Von Mallorca nach Mitteleuropa: die Klimarechnung
Mallorca kennt in Deutschland fast jeder — als Insel mit milden Wintern und Sommern, die man im Schatten verbringt. Genau in diesem Klima ist dieser Hund entstanden, und sein Körper ist die Antwort darauf: vier Kilogramm Lebendgewicht, ein kurzes Deckhaar ohne Unterwolle und keine nennenswerte Fettschicht unter der Haut.
Ein kleiner Körper hat im Verhältnis zu seinem Volumen viel Oberfläche und verliert Wärme entsprechend schnell. Fehlt dann die isolierende Unterwolle, wird ein deutscher Januar zur echten Belastung. Die Konsequenz ist unmissverständlich: Ganzjährige Außenhaltung im Zwinger oder auf dem Hof ist bei dieser Rasse ausgeschlossen. Das ist keine Verzärtelung, das ist Physik.
Das deutsche Recht denkt in dieselbe Richtung. Die Tierschutz-Hundeverordnung verlangt in § 4 für die Haltung im Freien eine Schutzhütte und außerhalb davon einen „witterungsgeschützten, schattigen und wärmegedämmten Liegeplatz"; die Hütte muss aus wärmedämmendem Material bestehen und so bemessen sein, dass der Hund „den Innenraum mit seiner Körperwärme warm halten kann". Genau daran scheitert die Rechnung: Vier Kilogramm Hund ohne Unterwolle erzeugen nicht genug Körperwärme für eine Frostnacht. Die Norm gibt also dieselbe Antwort wie die Biologie.
Umgekehrt hat die Herkunft einen handfesten Vorteil: Hitze steckt dieser Hund deutlich besser weg als die meisten mitteleuropäischen Rassen. Für die zunehmende Sommerhitze deutscher Städte ist er gut aufgestellt — nur eben nicht für den Rest des Jahres. Zwischen November und März heißt das: Mantel bei Nässe und Kälte, kürzere und dafür häufigere Runden, ein warmer, zugfreier Liegeplatz mit Abstand zum Boden. Ein Ratero, der stehen bleibt und die Pfote hebt, sagt genau das.
Sekundärvergiftung: die unterschätzte Gefahr
Ein Punkt, den jeder Halter dieser Rasse kennen sollte, weil er Leben rettet: Rattengift auf Antikoagulanzien-Basis wirkt nicht nur auf die Ratte. Frisst ein Hund einen vergifteten oder sterbenden Nager, nimmt er den Wirkstoff mit auf — das nennt man Sekundärvergiftung, und diese Wirkstoffe hemmen die Blutgerinnung.
Das Tückische ist der zeitliche Versatz: Die Symptome zeigen sich erst nach mehreren Tagen. Der Hund frisst am Samstag eine Maus, verhält sich das Wochenende über normal, und am Mittwoch fallen Nasenbluten, blasse Schleimhäute, Blutergüsse, Schwäche oder Atemnot auf. Weil Tage dazwischenliegen, wird der Zusammenhang oft nicht hergestellt — und das kostet die entscheidende Zeit.
Für einen Hund, der auf das Aufspüren von Nagern gezüchtet ist, ist das kein exotisches Restrisiko, sondern das wahrscheinlichste Vergiftungsszenario überhaupt — Köderboxen stehen in Hinterhöfen, an Mülltonnenplätzen, auf Bauernhöfen und an Bahndämmen. Die Regel lautet deshalb: Beobachtetes Fressen eines Nagers ist immer ein Anruf beim Tierarzt, sofort und nicht erst bei Symptomen. Ein Gegenmittel existiert, wirkt aber umso besser, je früher es gegeben wird.
Woher nehmen? Der deutsche Weg führt über den Tierschutz
Das ist für deutsche Interessenten die praktischste Frage — und die Antwort fällt anders aus als bei jeder gängigen Rasse. In Deutschland gibt es keinen Zuchtverein für den Ca Rater Mallorquí, weder innerhalb noch außerhalb des VDH, und außerhalb Mallorcas praktisch keine Zuchtstätten. Deutschsprachige Quellen schätzen den Bestand hierzulande auf einige Hundert Tiere, überwiegend Ratero-Mischlinge, fast alle über den Auslandstierschutz ins Land gekommen.
Damit ergeben sich zwei Wege: der Auslandstierschutz, wo spanische Auffangstationen mit deutschen Vereinen kooperieren — oder der direkte Weg über den mallorquinischen Rasseklub, dessen Züchterliste öffentlich einsehbar ist und dessen Zuchtbucheintrag die einzige echte Abstammungsurkunde darstellt. Beides erfordert Geduld und Sprachaufwand; einen Hund „aus der Nachbarstadt" wird es nicht geben.
Wer den Tierschutzweg geht, sollte eine deutsche Vorschrift kennen, die viel über die Seriosität einer Organisation verrät. Nach § 11 Absatz 1 Satz 1 Nummer 5 des Tierschutzgesetzes braucht eine behördliche Erlaubnis, wer Wirbeltiere, die keine Nutztiere sind, „zum Zwecke der Abgabe gegen Entgelt oder eine sonstige Gegenleistung in das Inland verbringen oder einführen" oder deren Abgabe vermitteln will. Nach dieser Erlaubnis darf und soll man fragen — ein seriöser Verein legt sie ohne Zögern vor.
Für die Einreise aus Spanien gilt der EU-Rahmen: Mikrochip, EU-Heimtierausweis und gültige Tollwutimpfung, die bei der Erstimpfung mindestens 21 Tage vor dem Grenzübertritt erfolgt sein muss und frühestens im Alter von zwölf Wochen verabreicht werden darf. Rechnerisch: Ein legal eingereister Welpe ist mindestens fünfzehn Wochen alt. Wird Ihnen ein jüngerer „direkt aus Spanien" angeboten, stimmt etwas nicht.
Standard sein sollten außerdem ein Test auf die mediterranen Infektionskrankheiten und ein Schutzvertrag mit Vor- und Nachkontrolle. Zum Erwartungsmanagement: Ein Ratero, der zwei Jahre selbst für sein Futter gesorgt hat, wird nicht binnen einer Woche zum Sofahund — er braucht Monate, und Menschen, die das aushalten.
Interessante Fakten über die Rasse
- Auf Mallorca wird diese Rasse bis heute bestimmungsgemäß auf Bauernhöfen sowie zur Kaninchenjagd eingesetzt.
- Die internationale Anerkennung kommt nur langsam voran, was die Rasse außerhalb Spaniens exklusiv macht.
- Sie haben keinen typischen „Hundegeruch", was sie zu angenehmen Mitbewohnern macht.
- Diese Rasse gilt als nationales Kulturerbe der Balearen — das balearische Jagdgesetz nennt den rater sogar namentlich.
- Etwa jeder fünfte Welpe kommt ohne oder nur mit einer Rudimentärrute zur Welt — angeboren, nicht kupiert.
- Die Genetik hat die beliebte These vom britischen Terrierblut nicht bestätigt: Die Ähnlichkeit zu Terriern ist ein Fall von konvergenter Evolution.
- Deutsch hat für den Beruf dieses Hundes ein eigenes Wort — „Rattler", bis heute der Spitzname des Zwergpinschers.
